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Frau Dr. Anastasia Athanasoulia-Kaspar, was versteht man unter „Transsexualität“ aus medizinischer Sicht?

Wir sprechen in der Medizin von der Diagnose Transsexualismus, wenn bei einer Person der Wunsch besteht, als Angehöriger des anderen Geschlechtes zu leben und anerkannt zu werden. Die Betroffenen empfinden Unbehagen oder das Gefühl der Nichtzugehörigkeit zum eigenen anatomischen Geschlecht. Sie haben den Wunsch nach chirurgischer und hormoneller Behandlung, um den eigenen Körper dem bevorzugten Geschlecht soweit wie möglich anzugleichen. Die Begriffe Transsexualität, Transsexualismus, Transgender und Transidentität werden dabei oft synonym [bedeutungsgleich, die Red.] verwendet, wobei gerade der häufig benutzte Begriff der Transsexualität von vielen Betroffenen als unangenehm empfunden wird, da er zu sehr auf die (an sich gar nicht unmittelbar betroffene) sexuelle Orientierung abzielt. Neuerdings wird daher zunehmend auch der neutralere Begriff der Geschlechtsinkongruenz verwendet.

Wie viele Menschen sind in Deutschland transsexuell?

Das ist schwer zu sagen, weil in verschiedenen Studien die Angaben zur Häufigkeit unterschiedlich ausfallen und stark von Definition [von der begrifflichen Bestimmung, die Red.] und Untersuchungsmethode abhängig sind. In einer Befragung der Allgemeinbevölkerung in Holland haben z. B. 4,6 % der Männer und 3,2 % der Frauen angegeben, sich mindestens ebenso dem anderen Geschlecht zugehörig zu fühlen wie dem eigenen – in dieser Form ist das also gar kein seltenes Phänomen. Durchschnittlich geht man von einer Prävalenz [Anteil Betroffener an der Gesamtheit der untersuchten Personen, die Red.] von etwa 0,5 % aus, das würde umgerechnet bedeuten, dass in Deutschland etwa 415.000 transsexuelle Menschen leben. Allerdings ergibt sich dieser Wert aus den Zahlen derjenigen, die medizinische Hilfe in Anspruch genommen haben, so dass man eine höhere Dunkelziffer annehmen kann. Das Verhältnis von Mann-zu-Frau- und Frau-zu-Mann-Transsexuellen liegt in der Literatur weltweit übrigens bei etwa 1:1, da scheint es also keine großen Unterschiede zu geben.

Was bedeutet eine Hormontherapie für die Gesundheit und das Erleben von transsexuellen Menschen?

Die Hormontherapie von Transsexuellen ist ein ganz zentraler Baustein ihrer Behandlung. Neben chirurgischen Eingriffen führt gerade die professionell durchgeführte Hormontherapie zu den wesentlichen körperlichen Veränderungen, die die von den Betroffenen gewünschte Annäherung an das jeweils andere Geschlecht ermöglichen. Der Endokrinologe ist der Hormonspezialist, der die Hormontherapie einleitet und begleitet. Ein Hauptziel der Hormontherapie bei Transsexuellen ist zunächst die Reduktion [die Verringerung, die Red.] der Sexualhormone des ursprünglichen Geschlechts, bei Mann-zu-Frau-Transsexuellen also des Testosterons, bei Frau-zu-Mann-Transsexuellen des Östrogens. Dazu kommt die Hormonsubstitution, also die unterstützende Gabe von Hormonen, so, wie man es auch bei PatientInnen macht, die unter Hormonmangel-Erkrankungen leiden. Die Hormonbehandlung sollte von erfahrenen Endokrinologinnen oder Endokrinologen im Bereich Transsexualität durchgeführt werden. Wenn das beachtet wird, besteht kein Grund zur Sorge: Die Hormontherapie ist eine sichere und erprobte Behandlungsmethode. Und - für die Betroffenen vielleicht besonders wichtig - die damit in Gang gesetzten körperlichen Veränderungen gehen in der Regel mit einer deutlichen Verbesserung des psychischen Wohlbefindens und der Lebensqualität einher, das kann ich aus meiner langjährigen Erfahrung in der Betreuung von Transsexuellen bestätigen.

Warum sind engmaschige endokrinologische Untersuchungen wichtig?

Wie eben schon beschrieben kommt durch die Hormonbehandlung eine ganze Reihe von körperlichen und letztlich auch psychischen Veränderungen in Gang. Ein solcher Eingriff in den Hormonhaushalt hat komplexe Auswirkungen und sollte daher dringend von einem Spezialisten begleitet werden. Das beinhaltet nicht nur eine engmaschige Kontrolle im Laufe der Hormonbehandlung, sondern auch eine regelmäßige Nachsorge. Dabei geht es darum, in regelmäßigem Austausch mit den zu Behandelnden den Erfolg der Therapie zu überprüfen, die Dosis der Medikation anzupassen und nicht zuletzt darum, Nebenwirkungen durch adäquates [geeignetes, die Red.] Verhalten und Dosisanpassung möglichst zu vermeiden.

Was sind die besonderen Herausforderungen im Verlauf einer Therapie – für Betroffene und ihre Ärztinnen und Ärzte?

Wie eben schon beschrieben kommt durch die Hormonbehandlung eine ganze Reihe von körperlichen und letztlich auch psychischen Veränderungen in Gang. Ein solcher Eingriff in den Hormonhaushalt hat komplexe [vielschichtige, die Red.] Auswirkungen und sollte daher dringend von einem Spezialisten begleitet werden. Das beinhaltet nicht nur eine engmaschige Kontrolle im Laufe der Hormonbehandlung, sondern auch eine regelmäßige Nachsorge. Dabei geht es darum, in regelmäßigem Austausch mit den zu Behandelnden den Erfolg der Therapie zu überprüfen, die Dosis der Medikation anzupassen und nicht zuletzt darum, Nebenwirkungen durch adäquates [geeignetes, die Red.] Verhalten und Dosisanpassung möglichst zu vermeiden.

Warum widmen Sie sich genau diesem Fachgebiet, in Forschung und medizinischer Versorgung?

Ich bin am Max-Planck-Institut in München unter der Leitung von Prof. Stalla, einem international anerkannten Spezialisten in diesem Bereich, schon früh in meiner Laufbahn mit dem Thema in Berührung gekommen und habe dann auch gleich selbst empirisch [mit erfahrungswissenschaftlichen Methoden, die Red.] in dem Bereich geforscht. Es gibt bislang leider nur wenige wissenschaftliche Studien bzw. Daten zu Transsexuellen. Ich wollte (und will bis heute) dazu beitragen, dass wir mehr über das Phänomen und seine Behandlung herausfinden. Ich fand es von Anfang an hoch spannend, sowohl aus medizinischer als auch aus menschlicher Sicht. Es ist ein Bereich, in dem man Menschen eindeutig helfen kann – und das ist es doch, wozu wir Ärzte da sind!

Welche Erfolge freuen Sie besonders in der medizinischen Versorgung Ihrer Patienten mit Transsexualität?

Es ist für mich eine ganz besonders schöne Erfahrung im Rahmen meines Berufslebens, dass ich manche der Betroffenen schon seit über zehn Jahren betreue und dabei Schritt für Schritt miterleben durfte, wie ihr körperliches und seelisches Wohlbefinden im Laufe der Zeit immer besser wurde, wie sie sich buchstäblich „in ihrer Haut“ wieder wohl gefühlt haben. Das ist für mich eine große Freude und zugleich Ansporn, auch in Zukunft solche Behandlungen zu begleiten und zu unterstützen.

Endokrinologische Betreuung von Patienten mit Transsexualität

Frau Dr. med. Anastasia Athanasoulia-Kaspar ist Fachärztin für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie und praktiziert im Medzinischen Versorgungszentrum von Medicover Neuroendokrinologie - Prof. Stalla und Kollegen. Athanasoulia-Kaspar ist Autorin und Co-Autorin von wissenschaftlichen Veröffentlichungen, wie zum Beispiel dem Artikel
Endokrinologische Betreuung von Patienten mit Transsexualität, erschienen 2019 im Georg Thieme Verlag, Stuttgart.

 

 

 

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